Unsere Freunde - Edmondo De Amicis - Страница 1 из 364


Auflage aus dem Italienischen von Dr. R. Teuscher.
Die Freundschaft. Ich beabsichtige
nicht, von der idealen Freundschaft zu sprechen, sondern von jener
armen, alltäglichen Freundschaft, unsicher, wie das Wetter,
beweglich, wie die Luft, fortwährend von tausend kleinen, elenden
Leidenschaften gequält, heute wohlwollend und freundlich, morgen
gereizt und rachsüchtig, bisweilen großmüthig, oft
klatschsüchtig, fast immer leichtsinnig, nicht selten
lügnerisch, die wir selbst auf hundert verschiedene Weisen
beurtheilen und zu hundert Zwecken benutzen, in die Ecke werfen oder
mit Liebe aufsuchen, abwechselnd zugestehen, wiedernehmen, verweigern,
verschwenden, je nach unsrer Laune, unserm Bedürfniß oder
unsrer Stimmung, und die so unbestimmt wechselnd ist, wie die Liebe,
so mannigfaltig, unergründlich und wunderbar, wie das
Menschenherz selbst. So verstehe ich also unter Freunden nicht
nur diejenigen, welche diesen Namen verdienen, sondern Alle, denen wir
ihn zu geben pflegen, mit denen wir den Anschein der Freundschaft
unterhalten, die ganze Schaar von Leuten, die wir genau oder
oberflächlich kennen, die wir lieben oder beneiden, denen wir
wohl- oder übelwollen, gleichgültige, umschmeichelte oder
gemiedene, nahe oder ferne, die wir seit unsrer Kindheit, oder seit
gestern kennen, die mit uns durch hundert verschiedene Bande vereinigt
sind, von deren jedem wir in gleichgültigem Ton und ohne das Wort


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