Amönenhof - Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem - Страница 1 из 413


Roman   1. Kapitel Friedrich XV.,
Herzog von Weißenfels, hatte seine Regierungsgeschäfte
für heute erledigt, das heißt, er hatte seine schwungvolle
Namensunterschrift unter ein halbes Dutzend Dokumente gesetzt und
lehnte sich nun mit einem Gähnen in den bequemen Sessel vor
seinem Schreibtisch zurück, das vielleicht unfürstlich, aber
menschlich durchaus berechtigt war. Er durfte sich das gestatten, weil
er sich allein in seinem Arbeitszimmer befand; er richtete dabei die
Frage an das Schicksal, was er nun machen solle. Die durch seine
Person vereinigten Herzogtümer von Weißenfels älterer
und jüngerer Linie bezeichneten auf der Landkarte Deutschlands
einen Flecken, den man bequem mit einem Fünfpfennigstück
zudecken konnte; mithin war das »Regieren« derselben eine
Arbeit, die sich im Maximalfalle über die Dauer einer Stunde pro
Tag beim besten Willen nicht ausdehnen konnte. Die Residenzstadt mit
ihrem imposanten Schlosse war ein kleines, verträumtes Nest, in
dem das gesamte Militärkontingent des Landes in der Stärke
eines ›Leib-Regimentes‹ Infanterie sein denkbar
Möglichstes tat, um etwas Leben hineinzubringen. Der Hofstaat
beschränkte sich auf wenige Hofchargen; die Empfänge im
Schlosse waren Ereignisse, die sich unter dem Titel von zwei oder drei
Hofbällen im Winter und ebensoviel Hofgartenkonzerten im Sommer
in weiser Beschränkung abspielten. Man konnte also nicht


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