Rosazimmer - Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem - Страница 1 из 324


Der Schnellzug Rom-Wien donnerte, von Mestre kommend,
über die Eisenbahnbrücke, die das Festland mit Venedig
verbindet, um von dort, nach kurzer Rast, denselben Weg bis Mestre
zurückzunehmen und dann die Reise über Pontebba-Villach
fortzusetzen. Am Fenster eines Abteils erster Klasse des
direkten Wagens Rom-Wien stand ein noch junger Mann und sah nicht ohne
eine gewisse Sehnsucht im Blick auf die Silhouette der
»Meereskönigin«, die über die Lagunen hinweg
sich fast schwarz gegen das Marineblau des Nachthimmels abzeichnete,
auf dem eine phantastisch große, goldige Mondsichel stand und
auf das leichtbewegte Wasser glitzernde Goldflitter streute. Zuerst
waren es die Türme von Murano, die aus dem Wasser auftauchten,
dann, als der Zug der Station näher kam, die Mündung des
Canareggio, aus der eben ein beleuchteter kleiner Dampfer nach San
Giuliano zueilte, dann der Glockenturm von San Giobbe, und
schließlich war der häßliche, nüchterne Bahnhof
mit seinem Hasten, Treiben, Rennen und Schreien erreicht. Mit
einem kleinen Seufzer trat der einsame Reisende in dem Abteil erster
Klasse von dem Fenster zurück, zog den Vorhang zu, als
wünsche er, nicht gesehen zu werden, und hielt zum
Überfluß noch eine Zeitung vor, so daß er von
außen sicher nicht zu erkennen gewesen wäre, trotzdem die
elektrische Lampe in dem Abteil hell genug brannte. »Noch
sechzehn Stunden Fahrt – reichlich!« murrte er mit einem


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