Ein Tag in der Diligence - Johann-Conrad Appenzeller - Страница 1 из 17


weiten, ungeheuren Ebne zwischen Mühlhausen und Kolmar –
erhob sich am Horizonte des sinkenden Tages, gleich einem schwarzen
Obeliske, in ruhiger, stiller Majestät. Delerois und ich
saßen allein draußen in der Chaise des Postwagens; der
Postillon schwankte auf seinem Pferde in unruhigem Schlummer: auch von
denen, die drinnen im Wagen saßen, unterbrach kein Laut die
einförmige Rädermelodie der Diligence. Aber die
Sterne, die allmälig hervortraten, beschäftigten mein Auge.
Ich vergaß beim Aufblick zu ihrem Schimmer und Glanze das
Dämmernde des Heerweges, der vor uns sich unabsehlich hinzuziehen
schien, und aus der sichtbaren Welt erhob sich mein Herz zur
unsichtbaren hinauf; dorthin, wo die Sterne mir freundlich hinzuwinken
schienen, wo so manche schon hingegangen sind, in deren Busen ich
einst die heiligsten Gefühle der Freundschaft und Liebe
ausgoß. Wie tief empfand ich jetzt Kosegartens
schönes Lied: »Selig, wessen Flug das Land erflieget,

Wo der Seelen Scheidewand zerfällt,
Wo sich Herz an Herz vertraulich schmieget,
Und gesellig Geist an Geist sich hält! Wo kein
Vorurtheil die Treuen tadelt,
Wo kein Wahn sie auseinander reißt,
Wo nur Güte hebt, wo Kraft nur adelt,
Und der Trefflichste der Erste heißt.« Delerois
riß mich aus meiner göttlichen Versunkenheit – seine
Frage: »Rauchen Sie denn nicht mit?« machte – indem


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