Töchter - Karl Adolph - Страница 1 из 397


  Anzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien und Leipzig
1921     Erstes Kapitel
Berichtet von Leuten der verschiedensten Temperamente. Man macht die
vorläufige Bekanntschaft verschiedener Haupt- und Nebenpersonen,
vor allem einer Tochter. Wenn die Julisonne anhebt, die
Straßen Wiens mit dampfender Glut zu erfüllen,
vorausgesetzt, daß ihr die Launen des Regengottes dazu
Gelegenheit verleihen, hebt die große Stadtflucht all derer an,
die »es dazu haben«, wohl oft auch nicht haben, die aber
jedenfalls, dem Zuge der Mode folgend, den Aufenthalt in der Residenz
mit irgend einem »Lande« zu vertauschen trachten. Beim
Anblick all der Fenster, deren Rouleaus herabgelassen oder die mit
braunem Packpapier verhüllt sind, könnte man zu der
Überzeugung gelangen, daß die Stadt ihre sämtlichen
Bewohner aus ihrem Bannkreis gejagt habe. Aber die Stadt
läßt ihre ungezählten Scharen Arbeitender nicht los.
Die Früh- und Abendstunden, da sie nach und von der Arbeit
ziehen, vermitteln uns die wenig erheiternde Erkenntnis, daß die
überwiegende Mehrzahl der Menschen gezwungen ist, ihre Erholung
nur in der Arbeit zu suchen. 6 Da diese Erholung aber wie gesagt
eine erzwungene ist und kein Zwang jemals in die Ergötzlichkeiten
des Lebens gereiht wurde, so sei von ihrem Werte abgesehen. Also
die Stadtflucht hat begonnen und kann nicht verhüten, daß
sie dem Bilde gewisser, am meisten betroffener Bezirke den Charakter


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