Der Gouverneur - Leonid Andrejew - Страница 1 из 148


Übersetzung von August Scholz. Das russische Original ist
zuerst in Deutschland erschienen. I. Fünfzehn Tage
waren bereits seit dem Ereignis vergangen, und er dachte immer noch
daran – wie wenn die Zeit selbst ihre Macht über
Gedächtnis und Dinge verloren hätte oder gänzlich
stehen geblieben wäre, gleich einer verdorbenen Uhr. Worauf er
auch seine Gedanken lenken mochte, ob es noch so fremd, noch so
fernliegend war – schon nach wenigen Minuten stand das
verschüchterte Denken wieder vor dem Ereignis und rannte machtlos
dagegen an wie gegen eine hohe, starre, schweigsame
Gefängnismauer. Und was für seltsame Wege schlug dieses
Denken ein: Er erinnert sich zum Beispiel der italienischen Reise, die
er einmal gemacht, eine Reise voll Sonnenschein, Jugend und Lieder. Er
stellt sich irgend einen italienischen Bettler vor – und
sogleich taucht vor ihm die Arbeitermenge auf, die Gewehrsalven, der
Pulvergeruch, das Blut. Oder ein Parfümduft steigt ihm in die
Nase, und sofort fällt ihm auch sein Taschentuch ein, das
gleichfalls parfümiert war, und mit dem er das Zeichen zum
Schießen gegeben hatte. In der ersten Zeit waren diese
Zusammenhänge noch logisch und wohl begreiflich und darum auch
nicht weiter beunruhigend, wenn auch immerhin lästig; bald aber
fügte es sich so, daß ihn alles an das Ereignis erinnerte
– ganz plötzlich, ganz zur Unzeit, und darum ganz besonders
schmerzlich, wie ein Schlag, der hinter einer Ecke hervorgeführt


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