Lebensrückblick - Lou Andreas-Salomé - Страница 1 из 256


Grundriß einiger Lebenserinnerungen
»Menschenleben – ach! Leben überhaupt –
ist Dichtung. Uns selber unbewußt leben wir es, Tag um
Tag wie Stück um Stück, – in seiner unantastbaren
Ganzheit aber lebt es, dichtet es uns. Weit, weitab von der
alten Phrase vom ›Sich-das-Leben-zum-Kunstwerk-machen‹;
wir sind nicht unser Kunstwerk.« Lou
Andreas-Salomé
Das Erlebnis Gott Unser erstes
Erlebnis ist, bemerkenswerter Weise, ein Entschwund. Eben noch waren
wir alles, unabgeteilt, war unabteilbar von uns irgendwelches Sein
– da wurden wir ins Geborenwerden gedrängt, wurden zu einem
Restteilchen davon, das fortan bestrebt sein muß, nicht in immer
weitergehende Verkürzungen zu geraten, sich zu behaupten an der
sich immer breiter vor ihm aufrichtenden Gegenwelt, in die es aus
seiner Allfülle fiel wie in – zunächst beraubende
– Leere. So erlebt man zuerst gleichsam etwas schon
Vergangenes, eine Abwehr des Gegenwärtigen; die erste
»Erinnerung« – so würden wir es ein wenig
später heißen – ist gleichzeitig ein Choc, eine
Enttäuschung durch Verlust dessen, was nicht mehr ist, und ein
Etwas von nachwirkendem Wissen, Gewißsein, daß es noch zu
sein hätte. Dies ist das Problem der Urkindheit. Es
ist auch das aller Urmenschheit, daß sich in ihr eine


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