Aphorismen - Ludwig Anzengruber - Страница 1 из 2


Schlagsätze. Aus dem Nachlaß. Bescheidenheit ist der
Anfang aller Vernunft. Sehnsucht ist erstickte Freude, Wehmut ist
stumpfer Schmerz. Nicht die Natur, nur der Mensch kennt Erbarmen,
aber nicht oft läßt er es walten. Wer der Welt ein
Heiland zu sein glaubt, thut gut, mit dreiunddreißig Jahren zu
sterben. »Der Mensch wollte sein wie ein Gott,«
erzählt die Mythe und sie sagt die Wahrheit. Gegen das Leid des
Lebens bäumte sich der Mensch auf und verlangte nach Allmacht, um
es auszutilgen; wie aber käme ein Teilchen zur Macht ob allem,
wie meistert ein Sandkorn den Berg, ein Tropfe die Woge? Da
fühlte er sich überlegen, indem er das Leid tragen lernte
und nun fragte er: »Kann Gott auch leiden?« Und wäre
ihm die Frage nicht bejaht worden, er hätte keinen Gott mehr
geglaubt. (Dezember 1881.) Die Götter sterben –
aber der Gott im Menschen, der sich auflehnt gegen das
Häßliche, Verderbliche, Gemeine, der stirbt nicht.
Ueber das, was oft angeblich zu Gottes Ehre geschah und geschieht,
muß sich der Teufel freuen. Das normale Gehirn. Wer hat es
denn? Vielleicht nicht einer der gegenwärtig Lebenden. Der
Klügste rast unbewußt – in den Ideen seiner Zeit.
Das Leben hat nicht mehr Wert, als wir ihm geben. Die Welt wurde
nicht, die Welt wird. Künstler wird nur der, der sich vor
seinem eigenen Urteil fürchtet. Wenn ich meine Werke
überdenke und betrachte, so merke ich erst, wie jung ich war und


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