Einer bläst die Hirtenflöte - Victor Auburtin - Страница 1 из 133


Ausgewählte Feuilletons 1940 »Es war einmal
ein Mann, der ging
auf eine Wiese und sah in einem Tautropfen
den ganzen Kosmos abgespiegelt,
und weil er nicht wußte, wie der Tropfen
hieß, so nannte er ihn Feuilleton.«  
      Wilfrid Bade in »Die Luftschaukel«
Quasi ein Vorwort Nie würde ich gewagt
haben, in den Titel dieses kleinen Buches das Wort
»Hirtenflöte« zu setzen, wenn ich nicht schon einmal
eine Hirtenflöte gesehen und gehört hätte. Das Wort
Hirtenflöte kommt besonders in Leitartikeln vor, und was wissen
Leitartikler von Hirtenflöten! Es war an einem Wintertage in
Athen in einem kleinen Restaurant bei der Börse zu Mittag. Das
Lokal war voll von griechischen Börsenmännern, die halbrohes
Lammfleisch fraßen und dazu schrien wie die Besessenen. Sie
schrien aber, erstens weil die Griechen immer schreien – man
denke an Demosthenes, der sich Kieselsteine in den Mund steckte, um
noch besser schreien zu können –, zweitens weil die
Kurse wieder gestiegen waren und das Geschäft blühte. Da
trat in das Restaurant ein alter, bäuerlich gekleideter Mann ein,
blieb an der Türe stehen und stellte vor sich einen kleinen Napf.
Dann zog er aus einer Ledertasche eine Hirtenflöte, eine
veritable Hirtenflöte, so wie wir sie von der alten Kunst her
kennen, vielleicht zehn Pfeifenröhren aneinandergebunden. Es


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