Friedemann Bach - Albert Emil Brachvogel - Страница 1 из 383


lieben Thüringens betritt und das helle, regsame Weimar
grüßt, hat kaum einen Begriff von der Stille und
Abschlossenheit, in der das Bethlehem deutscher Poesie zu Anfang des
18. Jahrhunderts lag. Die wenigen Wege, die in die träumerische,
von duftenden Matten durchzogene Talmulde führten, waren
kläglich, und wenn unser aufkeimendes Geschlecht eine Fahrt nach
Paris, London oder gar Amerika für eine halbe Bagatelle
hält, so war doch damals eine Reise von wenigen Tagen ein gar
bedenkliches Ding, das sehr lange erwogen und ohne die
äußerste, peinliche Vorsicht und Vorbereitung kaum
unternommen wurde, von den unverhältnismäßig hohen
Kosten gar nicht zu reden. In jenen Zeiten der idyllischen
Selbstgenügsamkeit waren auch die geistigen Verkehrsmittel, das
Zusammenströmen, Verschmelzen und Ausdehnen der Ideen durch Wort
und Schrift noch höchst lückenhaft; daher kam es, daß
einer ein sehr großer Mann sein konnte und doch weniger gekannt
war als heutzutage ein Schneider, der seine Ware in jeder
Zeitungsnummer lobpreisen darf. Auch Weimar barg zu jener Zeit
einen solchen Schatz, einen Künstler, dessen ewig junge
Schöpfungen schon damals bewundert, aber von den wenigsten
gewürdigt und begriffen, von der Masse indessen ignoriert wurden.
Hier und da kannten ihn wohl einige der Besten seiner Zeit und
flochten ihm den Lorbeer, doch kein Zeitungsartikel erhob sein
Verdienst; auch die große Kunst der Reklame war noch nicht


-10     пред. Страница 1 из 383 след.     +10