Gedichte. Erster Theil - Aloys Blumauer - Страница 1 из 140


Rieger'sche Verlagsbuchhandlung. 1871 J. B.
Metzler'sche Buchdruckerei in Stuttgart.

Glaubensbekenntniß eines nach Wahrheit Ringenden. Zwei
Kräfte sind es, die den Menschen lenken,
Sie leiten ihn bald süd-, bald nordenwärts;
Natur gab ihm Verstand, um recht zu denken,
Um recht zu handeln, gab sie ihm das Herz. Und zwei so
schwachen Kräften unterthänig,
Wie schwer wird oft dem Sterblichen das Ziel!
O der Verstand hienieden weiß so wenig ,
Und ach, das Herz wünscht, ahnet, glaubt so viel !
Im Wahn, der Wahrheit selber nachzufliegen,
Jagt oft der Geist nach einer Wolke bloß:
Im Wahn, der Tugend selbst im Arm zu liegen,
Liegt oft das Herz dem Laster in dem Schooß. Und sind
nicht diese Führer auf den Wegen
Des Glücks oft mit sich selbst im Widerspruch?
Ist nicht oft das, was die Vernunft als Segen
Erkennt und billigt, der Empfindung Fluch? Glaubt nicht
das Herz oft Tugend da zu finden,
Wo der Verstand nur Irrthum, Täuschung sieht?
Beweist nicht die Vernunft mit ihren Gründen
Oft Rechte, die das Herz als Laster flieht? Kann uns ein Licht,
das jedes Wölkchen trübet,
Wohl zeigen, wo die helle Wahrheit sei?
Bleibt ein Gefühl, das auch den Irrthum liebet,


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