Alte Liebe - Berta Behrens - Страница 1 из 281


Nest hatte sie sich geschaffen, in dem sie nun ihre »alten
Tage« leben wollte. In einer Villenstraße Dresdens, erster
Stock, Halbetage, fünf Zimmer und Gartengenuß. Außer
ihr vorläufig nur die Familie des Wirtes im Hause, die andere
Hälfte ihrer Etage war eben frei geworden. Das alte
Fräulein, das dort wohnte, starb vor vierzehn Tagen, nachdem sie
fünfundzwanzig Jahre dort gewohnt hatte. Bevor der Mietzettel
ausgehängt wurde, mußte das Quartier erst neu hergerichtet
werden. Der Wirt hatte versprochen, die Maler und Maurer erst kommen
zu lassen, wenn sie, Helene Wilkens, in die Sommerfrische gereist sei.
Wirklich rücksichtsvoll für einen Hauswirt! – Nein,
sie ist durchaus glücklich, aus der kleinen Vaterstadt
fortgezogen zu sein nach dem Tode ihres Vaters. Das alte Haus dort mit
den trüben Erinnerungen, in dem ihre Seufzer und ihre Tränen
lebendig geblieben waren, in dem jeder Raum ihr erzählte von
aufgeopferten Wünschen und ungestillter Sehnsucht, von dem
Verkümmern und Verblassen ihrer Jugend, das hätte sie beinah
erdrückt, nun sie es allein bewohnen sollte mit diesen
Erinnerungen. 8 Sie war hier erst wieder aufgelebt, und hier erst
würde sie vergessen lernen. Hier, wo sie nichts mehr erinnerte
und mahnte an ihres Herzens einzige große Liebe. Es wurde
aber auch Zeit, wenn sie noch etwas haben wollte vom Dasein. Sie war
vierzig Jahr gewesen vor ein paar Wochen! Man sah es ihr nicht gerade


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