Aus dem Leben meiner alten Freundin - Berta Behrens - Страница 1 из 348


mit den weißen Filetgardinen und den vielen Geraniumtöpfen,
da wohnte sie, von der ich hier erzählen will. Freilich war sie
jetzt kein schönes, junges Mädchen mehr, auch kommen keine
spannenden Szenen, keine romantischen Handlungen in der Erzählung
vor. Es ist eben eine einfache Geschichte, die ich hier
niederschreibe, sehr einfach, aber wahr, denn sie hat sie mir selbst
anvertraut, und meine Heldin ist eine alte Jungfer. Erschreckt
nicht, meine freundlichen Leserinnen, ihr glaubt nicht, welch eine
Fülle von Poesie ich drüben in dem kleinen Stübchen
fand. Wie manchen langen Nachmittag habe ich an meinem Fenster
gesessen und, scheinbar mit einer Arbeit oder mit Lektüre
beschäftigt, mein einsames Visavis beobachtet. Und wenn die noch
immer zierliche Gestalt im einfachen grauen Lüsterkleide, das
schneeweiße Häubchen auf dem glatt gescheitelten Haar, am
Fenster saß und die Zeitung las, indem sie strickte, so
überkam mich immer ein unendliches Mitleid mit der Einsamen. Nie
sah ich eine Freundin bei ihr, nie überhaupt einen Besuch. Nur
die kleinen Kinder ihres Hauswirts erblickte ich manchmal an ihrem
Fenster, eifrig beschäftigt, Äpfel zu schmausen. Die alte
Dame, die gütige Spenderin dieser Leckereien, stand hinter ihnen
und sah mit strahlendem Lächeln, wie es den kleinen Wesen
schmeckte. Leise hauchte sie dann wohl einen Kuß auf so ein
blondes Köpfchen, als wollte sie es segnen. Jeden Nachmittag zur


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