Amalie Dietrich - Charitas Bischoff - Страница 1 из 389


sächsischen Bergstädtchen Siebenlehn saßen im Jahre
1823 vier Männer in einer ärmlichen Stube und spielten beim
Schein einer hochbeinigen, zinnernen Öllampe Karten.
»Gottlieb,« riefen sie einem langen, hageren Manne zu,
»Gottlieb, du bist am Geben!« Der Angeredete sah aber
nicht in sein Spiel, er hielt den Kopf lauschend nach dem Fenster und
horchte gespannt auf den eiligen Tritt, der sich auf dem holprigen
Steinpflaster hören ließ. Jetzt wurde die Tür
geöffnet. Eine kleine untersetzte Frau erschien, und ehe man
sich das rotbackige, runde Kindergesicht, das auffallenderweise von
schneeweißen Scheiteln eingerahmt war, genügend betrachten
konnte, war sie resolut an den Tisch herangetreten. Sie hatte eine
große Stallaterne in der Hand, und auf dem Arme trug sie ein
Kind, ein kleines rotbackiges Mädchen, das aus großen
blauen Augen klug und verwundert um sich blickte. Die Frau setzte die
Laterne auf die Diele, schob die Lampe auf dem Tische beiseite, setzte
das Kind behutsam in die Mitte, und sagte fest, aber nicht
unfreundlich: »So, da habt ihr einen Trumpf drauf.«
Dieser kleine Vorfall hatte sich so schnell abgespielt, daß die
Männer noch ganz verblüfft und wortlos dasaßen, als
man schon wieder von draußen das Aufklappen der Lederpantoffeln
hörte. Das Kind sah der Reihe nach die vier Männer an,
das Gesicht verzog sich zum Weinen, da neigte sich der hagere Mann mit
verlegener Zärtlichkeit zu dem kleinen Mädchen und redete


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