Dilettanten des Lasters - Clara Blüthgen - Страница 1 из 263


aufmachen? Ich finde es zum Ersticken heiß.« Ein
lebhaftes Für und Wider: Es wird ziehen, wir sind alle so erhitzt
– o gewiß – wenigstens etwas. Trotzdem ging
Lotte Rienacker und öffnete. Es war in der That
unerträglich warm in den beiden ineinandergehenden Zimmern. In
dem ersten größeren, das tagsüber als Atelier benutzt
wurde, aber auch, wenn die Gelegenheit es fügte, als Empfangsraum
diente, strahlte das Auerlicht von einem dreiarmigen Kronleuchter
hernieder, das andere Zimmer, Lottes Arbeitsstube, wurde durch rosa
Wachskerzen erhellt, die in einem Kranze aus einer alten Bronzeampel
aufwuchsen. In beiden Räumen waren die Kachelöfen gut
geheizt. Fünf oder sechs Damen waren hier versammelt, zum
Teil noch jung und zum Teil hübsch, aber alle mit jenem
undefinierbaren, und doch untrügerischen Stempel des
Unverheiratetseins auf den Gesichtern, eine gewisse Spannung in den
Augenbrauen, eine leise 2 Senkung der Mundwinkel, eine ganz leichte
Erschlaffung der Haut, die die Vorstellung von künftigen Falten
und Runzeln erweckt. Unter all diesen Damen ein einziger Herr. Ein
gutes, junges, rundliches Gesicht unter artig gescheiteltem Blondhaar,
das straff und fest, ohne Glanz dem kräftigen Schädel
auflag, die blaugrauen Augen, die etwas unsicher blickten, von einer
Brille bedeckt. Die mittelgroße, gedrungene Gestalt steckte in
einem nicht gerade neuen schwarzen Anzuge, der dennoch so aussah, als


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