Die Chronika des fahrenden Schülers - Clemens Brentano - Страница 1 из 118


(Urfassung) In dem Jahr, da man zählte nach Christi, unsers
lieben Herrn, Geburt 1358, im lieblichen Monat Mai, hörte
ich, Johannes, die Schwalbe früh an meinem Kammerfenster singen,
als ich erwachte, und ward innig durch den frommen Morgengesang des
Vögeleins erbauet, bedachte auch auf meinem Lager, wie die
Schwalbe in ewiger Seligkeit lebt, gegen den kalten Winter in ferne
wärmere Lande zieht, und der Heimat getreu gegen den
Frühling wiederkehrt; so nicht der Mensch, der wohl viel Leid und
Weh im Herzen erdulden muß, ehe ihm wieder ein freundliches
Glück, ein Frühling erblühet. Da ich so in meinen
einfältigen Betrachtungen versunken war und das Vögelein auf
seine Art auch immer fort phantasierte, wär ich beinahe wieder
eingeschlummert, als die Wächter auf dem Münster bliesen,
welches ich vorher noch nie gehöret hatte, da ich in
Straßburg so früh noch nicht erwacht war. Es ward mir auch
da sehr wehmütig um das Herz, denn mir fiel ein, wie nun heute
mein zwanzigster Geburtstag angekommen war, und wie mir es viel besser
geworden als die letzten Jahre, wo ich meinen lieben Geburtstag wohl
auf freiem Felde, in einem zerrissenen Mäntelein empfangen und
mit einem Bissen Almosenbrot bewirten mußte. So ist es doch eine
Freude, einen Geburtstag zu haben, dachte ich in mir selbsten und
glaubte wohl in meiner Einfalt, die Schwalbe sei nur gekommen, mir
Glück zu wünschen, wie auch der Türmer nur allein


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