Wildvogel - Elsa Beskow - Страница 1 из 231


habe kein Heim, weder Vater noch Mutter, weder Geschwister noch
Verwandte. Aber gerade darum ist die ganze Welt mein Heim, und alle
Menschen sind meine Verwandten. Wenigstens kommt es mir so vor, wenn
ich in gehobener Stimmung bin und die Menschheit im großen und
ganzen betrachte. Ich wohne bald hier, bald da, und wie ein wilder
Vogel lebe ich von allerhand, am meisten wohl von der Malerei: denn
ich stelle eine Malerin vor, habe einen Blick für das
Charakteristische und kann Ähnlichkeiten treffen. Darum male ich
Porträts. Zuweilen soll ich eine ganze Familie malen, ein Glied
nach dem anderen, zuweilen nur eine einzelne Person. In den Familien
werde ich sehr verschieden aufgenommen, mitunter freundlich und
kameradschaftlich, dann male ich am besten, wenn auch nicht am
schnellsten, denn das gefällt mir, und ich habe keine Eile
fortzukommen. Mitunter behandelt man mich aber herablassend. Dann male
ich schnell, stelle die Leute hochmütig und dumm dar, wie sie
sind. Das verstehen sie zum Glück nicht, sondern nehmen den
hochmütigen Ausdruck in ihren Gesichtern für eine vornehme
Miene. Das mögen sie meinetwegen auch gerne tun.
Übrigens ist es mir gleichgültig, wenn es mir in einer
Familie nicht gefällt; es verursacht mir eigentlich nur Freude,
zu wissen, daß ich da nicht zu bleiben brauche. Und wie
schön ist es, die Flügel zu heben, um davonzufliegen.
Augenblicklich habe ich mich beim »Kranich« einquartiert.


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