Die Tochter des Kunstreiters - Ferdinande Freiin von Brackel - Страница 1 из 417


Kinkel. 1 In einem der elegantesten Quartiere
des Hotel Impérial zu Genf ruhte auf dem Sofa eine junge Frau.
Wie sie da lag, den kleinen, von schwarzen Spitzen umhüllten Kopf
an die roten Kissen gelehnt, indes die blonden Locken weich und schwer
niederfielen und die Hände mit lässiger Grazie im
Schoß ruhten, bot sie, ohne schön zu sein, ein reizendes
Bild dar. Alles an ihrer Erscheinung war wie hingehaucht, so daß
man fast erschrak vor solcher Zartheit, die bei den Menschen wie bei
den Pflanzen leider nur den Blüten ephemerer Art eigen ist.
Ihre Ruhe schien auch durch Schwäche bedingt, denn die Blicke
wanderten lebhaft durch den Raum, bei jedem Geräusch
erwartungsvoll nach der Tür sich richtend, um gleich nachher
ungeduldig auf eine kleine Reiseuhr zu fallen, die auf einem Tischchen
neben dem Sofa stand. Wie der Zeiger allmählich voranrückte,
konnte sie ihre Unruhe nicht länger bemeistern, und sich halb
aufrichtend rief sie einer alten Frau, die im Nebenzimmer
beschäftigt war und deren breite Gestalt oft durch die
geöffnete Tür sichtbar wurde. »Anne,« rief
sie, und trotz der Anstrengung hatte die Stimme nicht viel Klang
– »Anne, ist Miß Nora noch nicht zurück?«
»Kleine Miß ist beim Herrn,« sagte die Alte in
gebrochenem Deutsch. Ihr bräunlicher Teint wie ihre auffallende
Gesichtsbildung zeigten, daß sie nicht von europäischer
Herkunft war. »Kleine Miß auch sehr gut aufgehoben beim


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