Die Äbtissin von Castro - Franz Blei - Страница 1 из 150


Jahrhunderts hat uns das Melodrama so oft gezeigt, und soviele Leute
haben von ihnen gesprochen, ohne sie zu kennen, daß wir uns
heute eine ganz falsche Vorstellung von ihnen machen. Man kann im
allgemeinen sagen, daß diese Briganten den Widerstand gegen die
unmenschlichen Regierungen ausdrückten, welche in Italien auf die
Republiken des Mittelalters gefolgt waren. Der neue Tyrann,
gewöhnlich schon der reichste Bürger der Republik, bevor er
sie stürzte, schmückte, um das Volk zu gewinnen, die Stadt
mit prächtigen Kirchen und mit schönen Gemälden. Von
solcher Art waren die Polentini von Ravenna, die Manfredi von Faenza,
die Riario von Imola, die Visconti von Mailand die Bentivoglio von
Bologna und endlich die Medici von Florenz, die am wenigsten
kriegerischen und heuchlerischsten von allen. Unter den Historikern
dieser kleinen Staaten ist keiner, der es gewagt hätte, von den
unzähligen Vergiftungen und Morden zu erzählen, welche von
der quälenden Angst dieser kleinen Tyrannen veranlaßt
worden sind; jene würdigen Historiker waren in ihrem Sold. Man
erwäge, daß jeder dieser Tyrannen jeden dieser
Republikaner, von denen er sich persönlich gehaßt
wußte, persönlich kannte, – Cosimo, Großherzog
von Toskana z.B. kannte Sforza –, und daß mehrere dieser
Tyrannen ermordet worden sind: dann wird man den tiefen Haß, das
dauernde Mißtrauen verstehen, woraus den Italienern des
sechzehnten Jahrhunderts soviel Geist und Mut erwuchs und ihren


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