Die Frivolitäten des Herrn von D. - Franz Blei - Страница 1 из 115


Geschichten von Frauen und Liebe
Die Tänzerin Jenny Gilbert Eigentlich hatte mich nur
der Regen ins Olympia getrieben. Ich wollte nicht lange bleiben
und nahm ein Promenoir, um einen Black and White zu trinken.
Seltsam, wie mich an diesem Abend das gemalte Lächeln, die
absurden Hüte, die aufreizenden Parfüms anwiderten. Ich
konnte nur das nackte Elend sehen, das sich darunter verbarg. Und
versank vor den Bettelnden, den Provokanten, den Ironischen, die sich
um das Almosen von ein bißchen Liebe oder einem Geldstück
bemühten, ganz in Bitterkeit. Da legte sich eine Hand auf meine
Schulter. Wie wohl das plötzlich tat, in dieser traurigen Stunde
die Hand eines Freundes zu fühlen. Ich hatte meinen Freund
Cornavon lange nicht gesehen. »Nehmen Sie mir es nicht
übel, Cornavon, Sie wissen, die Traurigkeit macht
undankbar.« »Sie kamen sicher auch, um die Jenny
Gilbert tanzen zu sehen?« »Wer ist das?«
»Sie werden sehen. Sie tritt gleich auf.« Wir gingen in
die Proszeniumsloge. Das weichfließende, hochgeschlitzte
korallrote Kleid gab der schlanken Plastik und der wollüstigen
Grazie der Tänzerin prachtvollen Ausdruck. Hier hatte wahrhaft
die Natur ein Äußerstes getan, das Meisterstück
einer Frau zu bilden. Der Hut aus Straußenfedern schattete
über einer klaren Stirn und einem Paar Augen voll dunklem Licht


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