Ein Mönchsleben aus der empfindsamen Zeit, Band 1 - Franz Xaver Bronner - Страница 1 из 490


doppeldeutigen Titel »Dichtung und Wahrheit«, den Goethe
seiner herrlichen Selbstbiographie gegeben hat, hat er zugleich die
zwei Pole festgelegt, nach denen hin Memoirenwerken und Biographien
überhaupt wirkliche Bedeutung zuzukommen vermag. Die einen von
ihnen sind vornehmlich interessant nach der Seite der Wahrheit hin,
durch das Inhaltliche und Gegenständliche, das sie vorbringen,
seien es nun weltgeschichtliche Ereignisse, seltsame Abenteuer oder
kulturelle Merkwürdigkeiten, die anderen dagegen sind bedeutsam
nach der Seite der Dichtung hin, durch Stil und künstlerische
Darstellung, durch die Art dichterischer Durchdringung des Stoffes,
durch die Fülle des poetischen Gehalts, der in dem Werk Gestalt
gewonnen hat, und durch den auch anscheinend unwichtige und
alltägliche Begebenheiten verklärt werden. Die
vorliegende Autobiographie von Franz Xaver Bronner, die aus dem Ende
des achtzehnten Jahrhunderts stammt, gehört ihrer wesentlichen
Bedeutung nach durchaus zur Gattung der letzteren, wenn dies auch in
diesem Falle keineswegs dahin verstanden werden darf, als ob sich hier
der Verfasser dichterische Ausschmückungen und phantasievolle
Willkürlichkeiten auf Kosten der Wahrheit erlaubt hätte. Im
Gegenteil! Die ungeschminkte Wahrhaftigkeit alles dessen, was
erzählt ist, ist ein bedeutsames Charakteristikum dieser
Biographie. Trotzdem aber nicht ihr wesentlichstes; denn es sind keine
großen Ereignisse, von denen uns darin berichtet wird –


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