Die schönsten Novellen über Lou Andreas-Salomé und andere Frauen - Frieda von Bülow - Страница 1 из 256


noch?« »Wie? Ich?!« »Weil du eben
ausglittest.« »Die Steine sind naß und glatt.
Aber ich nicht mehr können! Sechs Stunden will ich so
fortmarschieren.« »Wir sind bald am Rasthaus.«
Die das einander zurufen, sind zwei, auf die Bergstöcke
gestützt, rüstig ausschreitende Wanderer, ein Mann und eine
Frau. Beide sind in Wetterloden gekleidet. Er trägt
Kniehosen, wollene Strümpfe und schwere Nagelschuhe. Bei ihr ist
der Rock hoch geschürzt, daß er die zierlichen
Füße bis über die Knöchel frei läßt.
Sie durchwandern, abwärtssteigend, eine Hochgebirgsschlucht
von großartiger Wildheit. Bis zu schwindelnder Höhe
türmen sich auf drei Seiten die Felsen mit ihren Schluchten und
Rinnsalen. Die Sonne leuchtet noch auf der fernen Hochebene,
tief, tief unten, im hellen Schein des Augustnachmittags; hier,
zwischen den ragenden Wänden, ist sie längst fort. Um die
zackigen Spitzen lagern Wolken, die dort hängen zu bleiben
scheinen. Unten hat es geregnet, hier, in Höhe, ist es
Schnee geworden. In tausend Rinnsalen fließt und tropft
nun der geschmolzene Schnee über das zerklüftete Gestein. Es
ist kein Gehen hier – ein Hüpfen, Springen von Felsblock zu
Felsblock! – Die Frau ist dem Manne um zwanzig Schritte
voraus. Von der leichten Luft beschwingt, entlastet von dem
Tieflandsgefühl der Schwere, schwebt sie beinah. Das lockige
Blondhaar umflattert windgelöst die freie Stirn, schwellende


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