Faust: Erzählung in neun Briefen - Friedrich von Bodenstedt - Страница 1 из 65


Briefen Entbehren sollst du! sollst entbehren! Pawel
Alexandrowitsch B. an Simeon Nikolajewitsch W. Dorf M., 6. Juni
1850 Vor vier Tagen hier angekommen, liebster Freund, erfülle
ich heute mein Versprechen, Dir zu schreiben. Seit dem Morgen rieselt
ein feiner Regen herab, der mich im Zimmer hält; und
außerdem verlangte mich sehr danach, ein wenig mit Dir zu
plaudern. Da sitze ich nun wieder in meinem alten Nest, welches ich
— ach, es ist traurig zu sagen – volle neun Jahre
nicht gesehen habe. Was ist in diesen neun Jahren nicht alles
vorgegangen! Ich selbst, wenn ich es so recht bedenke, komme mir wie
ein ganz anderer Mensch vor. Ich bin in der Tat wie umgewandelt. Du
erinnerst Dich wohl des kleinen, dunklen Spiegels in unserem
Gastzimmer, der noch von meiner Urgroßmutter herstammt und an
den Ecken mit so wunderlichen Schnörkeln verziert
ist, – Du pflegtest immer Betrachtungen anzustellen, was er
vor und seit hundert Jahren gesehen haben müsse. Ich warf gleich
nach meiner Ankunft einen Blick hinein und erschrak über mich
selbst. Noch nie war es mir so jäh und lebhaft vor Augen
getreten, wie ich gealtert bin und mich in der letzten Zeit
verändert habe. Übrigens nicht ich allein bin älter
geworden; mein schon lange baufälliges Häuschen droht
völlig aus den Fugen zu gehen und zeigt nach allen Seiten eine
bedenkliche Neigung zur Erde. Meine wackere Wassilewna, die
Haushälterin (Du hast sie gewiß nicht vergessen, da Dir


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