Gräfin Helene - Friedrich von Bodenstedt - Страница 1 из 85


Kapitel. Der Amtmann Leonhardt erfreute sich eines weit über
seine Stellung hinausragenden Ansehns, obgleich dieselbe zu der Zeit,
in welcher unsre Geschichte spielt, noch zu den bevorzugtesten des
Landes gehörte. Justiz und Verwaltung lagen nämlich damals
noch in Einer Hand und sicherten ihrem Träger, wenn er seiner
Aufgabe gewachsen war, zugleich Würde und Wohlstand. Der Amtmann
Leonhardt waltete seines Amtes in einer Weise, die Achtung gebot und
ihn zu einer allgemein beliebten Persönlichkeit machte. Obgleich
er alle Pflichten seines Berufs gewissenhaft erfüllte, ging er
doch nicht darin unter, sondern fand immer noch Zeit zu
Nebenbeschäftigungen und Zerstreuungen, die allein genügt
hätten, das Leben eines gewöhnlichen Menschen
auszufüllen. Aber Leonhardt war eben kein gewöhnlicher
Mensch; die Natur hatte ihn ausgestattet mit Gaben, welche ihn, bei
seiner unverwüstlichen Arbeitskraft, in jedem Wirkungskreise zu
einer hervorragenden Erscheinung gemacht haben würden. Arbeit war
ihm Bedürfniß, allein er that nicht gern etwas
Unnützes und hatte besonders einen Abscheu gegen alle
überflüssigen Schreibereien, das Steckenpferd
untergeordneter Geister. Seine freien Stunden brachte er am liebsten
auf der Jagd zu, war ein rüstiger Fußgänger und
Reiter, und suchte so viel wie möglich durch Bewegung in frischer
Luft der sitzenden Lebensweise zu Hause ein heilsames Gegengewicht zu
geben. So geschah es, daß er sich noch im Greisenalter einer


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