Altweimarische Liebes- und Ehegeschichten - Helene Böhlau - Страница 1 из 213


Weimar, da hat vor Zeiten ein Dorf gestanden; jetzt ist es ein
einsames niedriges Gehölz von etlichen hohen Eichen und Buchen,
Ahorn und Erlen überragt; das zieht sich, sanft ansteigend, bis
an den weiten, schönen Buchenwald hin auf dem langgestreckten
Rücken des Ettersberges, dem Wahrzeichen der guten Stadt Weimar.
Das Dorf ist längst vergessen und versunken, ein Bruderkrieg
hat es vom Heimatboden weggefegt, wie so manches andre Dorf und
Städtchen, von dessen Dasein kein Mensch mehr weiß.
Aber einst hat es gestanden und geblüht, das Dörflein Roda
bei Weimar, und Doktor Faust, der Wundermann, soll, so erzählt
man sich, in Roda geboren sein, also so nahe dem Orte, wo er in
großer Verklärung für ewige Dauer auferstehen sollte.
Im Rödchen bei Weimar gehen mancherlei Sagen um, die aus
versunkenen, vermoderten Mauerresten aufsteigen, wie es auf
verlassenen Stätten vergessener Menschen zu geschehen pflegt.
Ueber dem Ganzen liegt ein eigener Zauber – eine wehmütige
Stille. Der Duft von frischem und gefallenem feuchten Laub verbindet
sich eigentümlich scharf. Das macht das Erlen- und Eichenlaub,
das auf nassem Grunde zu dichter Decke sich verbunden hat. Im
Rödchen steht ein Wirtshaus und davor, unter jungen Bäumen,
einige grau verwitterte Bänke. 4 Auch dieses Wirtshaus hat
jetzt etwas Melancholisches, Vereinsamtes und Verwahrlostes. Noch
zu Anfang unsres Jahrhunderts zogen die Weimaraner gern hinaus zum


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