Das Recht der Mutter - Helene Böhlau - Страница 1 из 372


(Frau al Raschid Bey)   Zweite Auflage  
  Berlin W
F. Fontane & Co.
1896     Erstes Buch.
Erstes Kapitel. Noch als grüner Bursche schrieb Ker, das
heißt der Student Dmitri Alexándrowitsch Ker-Asowsky in
sein Tagebuch:   St. Petersburg, den 2./14. April.  
  Ich setze keinen Fuß mehr in die Universität.
Was bekomme ich dort zu hören? Es ist wahrlich nicht des
Hingehens wert. Tag für Tag entsetzlich wichtige Mienen, aber die
Weisheit der Herren fließt tropfenweise. Tagtäglich ein
sparsam zugemessenes Tröpfchen, da, wo ich in vollen Zügen
trinken möchte. Und wie sie vortragen! wie sie vortragen!
Semester für Semester immer dieselben Witze an derselben Stelle,
die älteren Studenten kennen die Witze alle im voraus. Man denkt
unwillkürlich: morgen kommt es! ja morgen! immer derselbe
Quatsch. Und das nennen die Herren Philosophie! Entweder wissen sie
nichts mehr zu sagen, oder sie wagen es nicht. Das ist nur bei uns in
Rußland möglich. Dazu der ewige Winter, wir haben April. In
Deutschland ist es voller Frühling. Was soll ich hier?
Ich gehe nach Deutschland. 2 Wenn es mir einmal bestimmt war,
über diesen Planeten als Mensch zu wandern, so will ich es nicht
gethan haben, ohne das Höchste kennen zu lernen, was die Erde uns
Menschen bietet. Wanderer sind wir alle; ich will sehend wandern.
  11./23. April.     Mein lieber Schwager


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