Der Rangierbahnhof - Helene Böhlau - Страница 1 из 220


    Egon Fleischel & Co.
Berlin
1913     I. Im letzten
Winkel des Reichs – dort, wo aus dem bayrischen Algäu die
niedrigen Pässe nach Vorarlberg führen, liegt lautlose
Dämmerung. Gewaltige Schneemassen bedecken das Hochthal und
mitten drin liegt in einer erstarrten Welt, von Schnee halb begraben,
ein warmes Nest, das einsame Gehöft Rohrmoos. Über der
weitausgedehnten Felsenmasse, die das Hochthal östlich begrenzt,
schimmert der erste Tagesschein, der verkündet, daß hier
über die Herrgottswände, die wie ein leichter, grauer
Schatten aus dem Dämmerlicht sich abheben, die Sonne, wenn ihre
Stunde gekommen ist, schauen wird. Erde und Himmel weiß, die
ganze Atmosphäre wie aus zarten Eiskristallen gewoben. 2 Die
unabsehbaren Schneemassen, die festgewurzelte Kälte, die eisige
Dämmerung, all' diese kalten lebensfeindlichen Mächte
umgeben das warme Nest mit solch unheimlicher Gewalt, als gelte es,
diesen Unterschlupf von allerlei pulsierendem Leben aufzusaugen, jeden
Tropfen, der sich dort birgt, zu erstarren. Alles aber, was sich auf
dem dämmerigen Hof regt, atmet einen Überfluß von
Wärme und Leben. Aus den eisüberzogenen Stallfenstern
fällt der rotgelbe Schein der Laternen, bei deren Licht schon
seit Stunden in den Ställen und draußen auf dem
zertretenen, strohuntermischten Schnee hantiert wird. Wird eine
Thür geöffnet, so quillt warmer Dampf in die Kälte


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