Der gewürzige Hund - Helene Böhlau - Страница 1 из 283


Böhlau     Verlag Ullstein & Co,
Berlin-Wien
1916     Maienmorgen!
Balsamduft. Seidenzartes Buchenlaub. Die Bäume wie grün
strahlende, aufragende Berge in ihrer Fülle und ihrer neuen
Laubesmacht. Noch nie dagewesene, mächtig sich ausladende
Gewalten von zartestem Grün. Dazu die strahlende Breite eines
weit ins Land hinein ausgegossenen Sees. Ein Spiegel aller
Herrlichkeiten des Himmels und der Erde. Weiße segelnde Wolken,
seliger Vogelsang, Himmelsschlüssel, die ersten Maiblumen, aus
deren weißen Glöckchen zarter Frühlingsopferduft
ausströmt – Herz, was willst du mehr! Einsamkeit,
große, weite Einsamkeit – die wir heutzutage nicht mehr
kennen. Abgeschiedenheit, tiefe, tiefe Abgeschiedenheit, wie die
weltabgewandte Seele, die ganz von ihrem Gott allein erfüllt ist,
sie haben soll. Wolltest du dieser Abgeschiedenheit entfliehen,
bedrückte sie dich trotz aller Schönheit und Seligkeit, 6
warst du nicht reif und still genug, mit ihr eins zu werden, oder
drängte dich das Schicksal hinaus in die Welt, so mußtest
du erst dein Bündel schnüren und dich auf die Wanderschaft
begeben, über Landstraßen und holprige Feldwege hin. Oder
eine alte Postkutsche rumpelte dich in die Welt hinaus. Zu jener Zeit
war die Erde noch weit und groß, unüberschaubar. Die dicht
bevölkerten und die kleinen Städte lagen in Einöden,
waren voneinander unsäglich getrennt. Heut ist alles eng


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