Der schöne Valentin - Helene Böhlau - Страница 1 из 149


Städtchens lag ein altes, wunderliches Häusergehocke. Vor
Zeiten war dieser Platz ein Teich gewesen, und die erwähnten
Häuser lagen auf einer Art Damm, der einst dem Wasser Schranken
gesetzt hatte und sich jetzt über das Niveau der Straße
einige Fuß erhob. Sie hatten es sich auf dem fest ummauerten
Unterbau recht bequem gemacht und waren ansehnlich alt geworden. Zur
großen Annehmlichkeit war der Damm breiter als die auf ihm
angesessenen Gebäude, so daß die Leutchen in den
erhöhten Häusern über den Häuptern der
Vorübergehenden auf- und niederwandeln und vor den Türen
sitzen konnten. Eine schmale, steinerne Treppe führte von da aus
erst zur eigentlichen Straße hinab. Der Volksmund hatte vor
Jahrhunderten diese eigentümliche Baulichkeit »das
Kannerückchen« getauft, und von Kind auf Kindeskind hatte
sich die Benennung fortgeerbt. Der Platz, an dem das
Kannerückchen lag, war von ärmlichen Wohnungen umgeben und
mit einer Eichenpflanzung, die nicht im besten Gedeihen stand, bedacht
worden. Ein einziger Baum hatte sich vor den anderen kräftig
entwickelt und machte durch sein gesundes Verbreiten und sein
schönes Emporstreben die Armseligkeit seiner Genossen noch
augenscheinlicher. Seine jungen, kräftigen Triebe glänzten
noch purpurn in der Sonne, wenn die Blätter der übrigen
schon fahl und lebensmüde an den Zweigen hingen, und im Winter
stand der Baum in dichtes, braunes Laub eingemummt, und mochte der


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