Des Bäckerlehrlings Johannisnacht - Helene Böhlau - Страница 1 из 62


(Madame al Raschid Bey.) Des Bäckerlehrlings
Johannisnacht.     An einem
Juninachmittag, der das ganze Saalethal und die heiteren, absonderlich
geformten Jenenser Berge strahlen und leuchten ließ, arbeitete
der Meister, seine zwei Söhne und zwei Gesellen mit
entblößtem Oberkörper in der dämmerigen,
großen, niederen Backstube, mitten in Mehl und Mehlgeruch.
In den weiten Mulden gärt Brotteig und strömt
säuerlichen Dunst aus, der sich mit dem Schweißgeruch der
derben Burschen mischt. Aus dem dunkeln, verbauten Erdgeschoß,
in dem die Backstube liegt, steigt Tag und Nacht ein warmer, mehliger
Duft auf, zieht durch das uralte Haus, durch das schluchtartige
Höfchen bis hinauf zum sonnigen Dach, ein echter, rechter Duft
nach hausbackenem Brot, nach kräftigen Leckerbissen, nach echtem
Mehl und echtem Zucker und guter Butter, nach kernigem Buchen- und
Tannenholz, ein Geruch von Redlichkeit und Wohlbekömmlichkeit,
kein solcher Uebelkeit erregender, klebriger, süßlicher,
chemischer Geruch, wie er in den heutigen Bäcker- und
Konditorenhäuser einem jeden, der ihn spürt, den Appetit
benimmt. Der Meister war dabei, ein paar Torten mit schnäbelnden
Tauben und Rosenguirlanden zu verzieren, die der Rosenwirt in Jena zum
heutigen Ball bei ihm bestellt hatte. Ein Geselle stieß Mandeln
zur Mandelmilch, die Söhne waren mit Riesenkuchenblechen
beschäftigt, und aus dem Nebenraum glühte, wenn von Zeit zu
Zeit der frisch 100 geheizte Backofen geöffnet wurde, ein


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