Eine zärtliche Seele - Helene Böhlau - Страница 1 из 209


Böhlau     Deutsche Verlags-Anstalt
Stuttgart Berlin und Leipzig
1930     Erstes Kapitel
»Dunkel is, Herr Paster – dunkel,« brummelte eine
Alte und brachte im weltfernen Haus die brennende Lampe in die Stube.
»Das hättn Se nich mache solln – das nich, Herr
Paster – nun müssen Se fort. – Ä Dach übern
Kopf is allemal gut und gar fir en Verwitweten mit em Kinde. Ich
sag's,« da trocknete sie sich mit der Schürze die alten
Augen. Der, zu dem sie sprach, war vom Lampenlicht jetzt
überronnen und das Kind, von dem sie sprach, lag ihm schlafend im
Arm, das Köpfchen an seine Brust geschmiegt. So hatten sie
miteinander im Dunkeln gesessen. Jung war der Mann, hager,
straffes Haar stieg von der Stirne auf. Das Gesicht
unregelmäßig. Das Sehnige seiner Erscheinung, das Heftige,
trat hervor, und etwas Hilfloses in der Art, wie er das blühende
Kind hielt. Er mochte wie im Halbschlaf gesessen haben, als die
Lampe kam und einem Hinbrüten, das ihm noch auf der unruhig
geformten, festgefügten Stirn lag, ein Ende machte. 6
»Herr Paster hätten nich so von uns gemußt – da
schaut unser Herrgott nich drauf, ob ä Paster alles am
Schnürchen hat, wie es geschrieben steht, wenn er's nur mit
unsereim gut meint – und hibsch tröste kann, iberhaupt
hibsch zu eim rede kann. Für Sterbende un Lebende is das gut. Un
was würde das Frauchen selig sagen, daß der Herr Paster dem


-10     пред. Страница 1 из 209 след.     +10