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Ker, das heißt der Student Dmitri Alexándrowitsch
Ker-Asowsky in sein Tagebuch: St. Petersburg, den 2./14. April.
    Ich setze keinen Fuß mehr in die
Universität. Was bekomme ich dort zu hören? Es ist wahrlich
nicht des Hingehens wert. Tag für Tag entsetzlich wichtige
Mienen, aber die Weisheit der Herren fließt tropfenweise.
Tagtäglich ein sparsam zugemessenes Tröpfchen, da, wo ich in
vollen Zügen trinken möchte. Und wie sie vortragen! wie sie
vortragen! Semester für Semester immer dieselben Witze an
derselben Stelle, die älteren Studenten kennen die Witze alle im
voraus. Man denkt unwillkürlich: morgen kommt es! ja morgen!
immer derselbe Quatsch. Und das nennen die Herren Philosophie!
Entweder wissen sie nichts mehr zu sagen, oder sie wagen es nicht. Das
ist nur bei uns in Rußland möglich. Dazu der ewige Winter,
wir haben April. In Deutschland ist es voller Frühling. Was
soll ich hier? Ich gehe nach Deutschland. Wenn es mir
einmal bestimmt war, über diesen Planeten als Mensch zu wandern,
so will ich es nicht getan haben, ohne das Höchste
kennenzulernen, was die Erde uns Menschen bietet. Wanderer sind
wir alle; ich will sehend wandern. 6   11./23. April.
    Mein lieber Schwager und Vormund Sztipann
Sztipannowitsch ist ganz einverstanden. Er hat sehr liebenswürdig
zugestimmt, hat sofort die nötigen Mittel angewiesen und hat mich
lächelnd ermahnt, nicht gar zu sparsam zu sein, und das


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