Kußwirkungen - Helene Böhlau - Страница 1 из 56


  Hamburg-Großborstel
Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
1907     Am Marktplatz, im Eckhaus,
das dem jetzigen Rathaus gegenüber liegt, da lebte zur Zeit, als
die Ratsmädel mit allerlei Schwänken in der
Wünschengasse ihr Wesen trieben, und Apothekers von ihrem Erker,
den ein buckliges steinernes Weibchen auf den Schultern trägt,
nach den Herrschaften ausblickten, um rechtzeitig knicksen zu
können, und das kleine Fräulein Muskulus mit ihrer dicken
Perücke und mit dem Veilchenhut über den Platz scheegte und
die Fabianen und die Kummerfelden und die Kameraden der
Ratsmädchen, Budang, Horny und Schillers Ältester
vorüberwanderten, und es überhaupt von all den alten
Weimaranern, von denen keine Feder und keine Faser mehr übrig
ist, noch wimmelte, da wohnte im Eckhaus ein gelehrter und weiser
Herr, Rat Tiburtsius. Er wohnte da mit seiner Gemahlin, einer kleinen
statiösen Dame, und seiner Haushälterin. Kinder gab es
im Hause nicht, dafür war aber alles blitzblank, vom messingenen
Türknauf und 8 dem Namenschildchen an der Flurtür, bis zu
dem messingenen Vogelkäfig an dem Fenster über Madame
Tiburtsius' Arbeitstischchen, und bis auf den letzten
Messingnagelknopf in der Küche, bis auf die messingene
Kuppellaterne, mit der Madame Tiburtsius abends von den Whistpartieen
abgeholt wurde, die der Reihe nach umgingen bei Apothekers, bei Madame
Kirsten, der Mutter der Ratsmädchen, bei Madame Kummerfelden und


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