Muttersehnsucht - Helene Böhlau - Страница 1 из 53


    Leipzig.
Max Hesses Verlag.
[1904]     »O Gott
nein,« sagte sie, »nie« – und lachte. Er
hatte sie gefragt, ob sie hier das ganze Jahr über nicht
Langeweile spürte. Er ist der Hausgast und Jugendfreund ihres
Vaters. Sommerfrieden liegt über dem weiten Gutsgarten
ausgebreitet. Hochwipflige Bäume und fruchttragende,
schwerbeladene, die dem Erdreich mit ihren Kronen näher bleiben
als die vornehmen Laubbäume; weiche Rasenflächen, auf denen
durchsichtige, kühle Schatten lagern; Beerensträucher mit
leuchtenden, rotbehangenen Zweigen. Der lange, gerade Weg, der zum
Hause von der Landstraße führt, ist dicht mit Sommerblumen
eingefaßt, nach Altväter Weise, mit bunten, duftenden
Blumen aller Art, die ihre Häupter im lustigen Durcheinander
neigen oder sie in die blaue Sommerluft hineinheben und den geraden
Weg in eine Atmosphäre von sonnedurchwärmten Düften
hüllen. Bienen und tausendfältiges Geschwirr und Gesumm.
Hoch oben im Himmelsraum die pfeilschnellen Sommerverkünder, die
ihre spitzen Töne wie goldne Saiten über den Himmel spannen.
Sie stehen beide abseits vom Weg, mitten im Obstgarten. Sie
beugt sich über den kleinen Quell, der 82 kristallklar durch den
Rasen fließt, und nimmt eine purpurrote Apfelschale, die auf dem
Grunde des Wässerleins lag, heraus. Tropfend und rotleuchtend
glänzt sie in des Mädchens fester Hand. »Das tat


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