Ratsmädelgeschichten - Helene Böhlau - Страница 1 из 196


schönen Kindern einen guten Freund fürs ganze Leben ein.
Mitten im großen deutschen Reiche liegt ein weit und breit
berühmtes Städtchen, Weimar im Thüringerlande. Da
regierte, als meine Großmutter noch ein Kind war, ein sehr
kluger und guter Fürst, der durch seine Güte und Weisheit
große Dichter, die zu jener Zeit lebten, dazu vermocht hatte,
bei ihm in seinem Städtchen zu wohnen. Und da er ein so
überaus kluger Herr war, den jedermann liebte und verehrte, so
kamen Dichter und Gelehrte gerne von allen Seiten, lebten in der Stadt
des Fürsten und schrieben dort so herrliche Dinge, daß alle
Welt darüber in Staunen geriet. Und noch jetzt ist das, was diese
Männer damals gedacht und gedichtet haben, das Schönste, was
wir kennen, und wird noch lange, lange Zeit das Schönste bleiben.
Von diesen Männern ist alles oftmals erzählt und genau
beschrieben worden, und die Menschen werden in Jahrhunderten noch von
ihnen reden. Aber neben ihnen wohnten in jenen Tagen gar viele Leute
in der Stadt, von denen niemand mehr spricht. Die hatten auch ihre
Freuden und Leiden, auch ihre guten Stunden, fühlten und
empfanden tief, waren froh und litten, hatten auch Herzen wie jene.
Sie sind gestorben und vergessen. Ueber viele gute Leute waren
damals schwere Zeiten hereingebrochen, Krieg und Not. Einige wenige
leben noch, die von den vergangenen Zeiten zu erzählen wissen.
Von solchen habe ich es erfahren, daß damals in der engen,


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