Sommerseele - Helene Böhlau - Страница 1 из 66


    Leipzig.
Max Hesses Verlag.
[1904]     Meine Großmutter
hatte einen alten Küchenschrank. – »Unter der Linde,
aus welcher der alte Schrank gezimmert wurde, hat eine Goethische
Liebste gesessen.« Das sagte die Großmutter, als wir Enkel
oben in ihrer Küche zuschauten, wie die Ananaserdbeeren aus einem
kupfernen Topf, in dem sie in lauter Zucker und Glut ihre duftenden
Seelen aushauchten, in Gläser gefüllt werden sollten. Die
kleine Küche duftete herzbewegend. Der würzige Geruch drang
durchs offene Fenster hinaus in sonnedurchschienene Juniluft. Die
Schwalben zogen in kristallener Bläue ihre zarten, schrillen
Wonne- und Jagdrufe nach sich. Der Küchenschrank bekam ein
Gesicht; ich sah ihn gewissermaßen zum erstenmal. Da stand er
– aus weichem, wie sammetweich gescheuertem Holz, trug etliche
Kupfergefäße, eine messingene Teemaschine – altes
Hausgerät, das nur noch blank gerieben, aber kaum mehr gebraucht
wurde. Aus seinem Innern drang Brotgeruch; aber ein
eigentümlicher Brotgeruch, ein Geruch nach Brotgenerationen, die
bis hinab in die Jugendzeit meiner Urgroßmutter reichten.
Unvergeßlich ist mir dieser Geruch. Er verband uns mit einer
fernen, fernen Zeit, mit nie gesehenen, nahverwandten, vergessenen
Menschen. »Unter der Linde, aus der dieser Schrank gemacht
14 wurde, hat eine Goethische Liebste gesessen.« Der Schrank
trieb Blätter und Blüten und ward zu einem Baum voller


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