Über die Liebe - Henri Beyle - Страница 1 из 439


hundert Leser, für unglückliche, liebenswerte,
prächtige, aller Heuchelei bare, durchaus amoralische Menschen.
Manchen, dem dieses Buch in die Hände kommt, möchte ich
fragen: Bist du in deinem Leben einmal ein halbes Jahr lang aus Liebe
unglücklich gewesen? Und eine zweite indiskrete Frage: Liesest du
hin und wieder eins jener anmaßenden Bücher, die den Leser
zum Nachdenken zwingen, zum Beispiel ’Emil‘ von Jean
Jacques Rousseau oder die Werke Montaignes? Wenn du niemals
unglücklich warst ob jener Schwäche der starken Seelen, wenn
du die widernatürliche Angewohnheit, beim Lesen nachzudenken,
nicht hast, so wird dich das vorliegende Buch gegen den Verfasser
stimmen, denn es muß dich ahnen lassen, daß es ein
gewisses großes Glück gibt, das du nicht kennst, jenes
Glück, das Julie de Lespinasse erfahren hat. Aber Wunder kann ich
nicht tun, ich kann die Blinden nicht sehend und die Tauben nicht
hörend machen. »Die Liebe gleicht dem, was man am
Himmel Milchstraße nennt. Sie ist ein schimmerndes Meer, von
Myriaden kleiner Sterne gebildet, von denen der einzelne meist nicht
wahrnehmbar ist. In der Literatur hat man vier- bis fünfhundert
von den kleinen aneinandergereihten Empfindungen festgestellt, die
einzeln zu erkennen so schwierig ist und die zusammen jene
Leidenschaft ausmachen, dazu die größeren, freilich nicht
ohne sich häufig zu irren, indem man Begleiterscheinungen
für Hauptdinge gehalten hat. Die besten solcher Bücher von


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