Die Herzogin von Palliano - Henri Beyle - Страница 1 из 36


Naturforscher und Griechisch verstehe ich nur sehr
mittelmäßig; Hauptzweck meiner Reise nach Sizilien war
weder die Phänomene des Ätna zu beobachten, noch wollte ich
für mich oder andre irgendwelche Klarheit darüber gewinnen,
was die alten griechischen Autoren über Sizilien gesagt haben;
ich suchte nichts als die Freude meiner Augen, die in diesem
eigenartigen Land wahrhaftig nicht gering ist. Man sagt von Sizilien,
daß es Afrika gleiche; für mich steht jedenfalls fest,
daß es mit Italien nur durch die verzehrenden Leidenschaften
Ähnlichkeit hat. Von den Sizilianern kann man wohl sagen,
daß es das Wort ›unmöglich‹ nicht für
sie gibt, wenn sie von Liebe oder von Haß entbrannt sind; und in
diesem schönen Land kommt der Haß niemals aus einem
Geldinteresse. Ich bemerke, daß man in England und besonders
in Frankreich oft von italienischer Leidenschaft spricht, von der
hemmungslosen Leidenschaft, die man im Italien des sechzehnten und
siebzehnten Jahrhunderts kannte. In unsern Tagen ist diese schöne
große Leidenschaft gestorben und ganz tot, wenigstens in jenen
Klassen, die sich der Nachahmung französischer Sitten und Pariser
oder Londoner Moden gefallen. Ich weiß wohl, man kann sagen,
daß man seit Karl V. in Neapel, in Florenz und sogar ein wenig
in Rom die spanischen Sitten nachahmte. Aber waren diese adeligen
Sitten und Bräuche nicht auf dem unendlichen Respekt
begründet, den jeder dieses Namens würdige Mensch für


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