Guten Abend! - Isabella Braun - Страница 1 из 196


I. Was Valentin der Großmutter versprechen mußte
Wie ruhig und klar der Starnberger See daliegt! Alles, was er
widerspiegelt, gewährt ein freundliches Bild: die herrlichen
Bäume, die zierlichen Villen, die Boote, Segelschiffe,
Badehäuschen und die Roseninsel, von der zu beiden Seiten ein
smaragdgrüner Streifen sich ins Gewässer hineinzieht.
Doch so ist's eben heute beim Sonnenschein, der in Millionen
Fünkchen auf dem See tanzt und den Schnee der Bergeshäupter
wie Silber glänzen läßt. Wenn aber die schwarzen
Wolken am Himmel jagen, der Sturmwind heult und der Donner kracht,
wenn die Blitze herabfahren, als ob sie alles in den Grund bohren
wollten: dann gerät auch der See in wilden Aufruhr, die Wogen
bäumen sich und werfen die Boote gleich einem Spielballe umher.
Jetzt beginnt ein gewaltiger Kampf zwischen der Natur- und
Menschenkraft. Braune, sehnige Arme schwingen das Ruder und bahnen
sich den Weg. Aber bisweilen gelingt's nicht. Der See ist
ebensogut ein Friedhof wie das Plätzchen neben der Kirche, nur
ruhen die Schläfer viel tiefer als unter den Erdhügeln mit
Kreuzen und Grabsteinen, worauf die Namen stehen. Dort aber ist,
nachdem der Sturm sich gelegt hat, jede Spur verschwunden. In den
Herzen der Überlebenden allein bleibt der Name unvertilgbar
eingegraben, und solch einem Grabstein gleicht die
Großmutter, von der diese Geschichte erzählt. Auf den


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