Ein Rufer in der Wüste - Jakob Boßhart - Страница 1 из 478


Dichter Rauch strich durch den kleinen Saal und durchwob ihn mit
bläulichem Licht. An drei langen Tischen, die zu einem Hufeisen
zusammengerückt waren, saßen etwa vierzig junge Leute mit
geröteten Gesichtern vor Biergläsern. Sie tranken sich
geräuschvoll zu und klappten nach vollbrachtem Zug knallend mit
den Deckeln der Gläser. Fast alle hatten Zigaretten im Mund und
bliesen die Rauchballen selbstbewußt gegen die Decke oder dem
Nachbar ins Gesicht. Die Jünglinge feierten ihren Abgang vom
Gymnasium. Die Professoren hatten sich entfernt, als der Uhrzeiger
über die Zwölf hinausgeglitten war, und nachdem sie mit
weiser Rücksichtnahme auf den Magen und den folgenden Tag die
übliche Mehlsuppe in sich hineingelöffelt hatten. Eben war
der ›Mops‹, der Spaßhafteste von ihnen, durch die
Türe verschwunden. Er hatte trotz seiner sechzig Jahre die
Biergemeinde mit etwas übertriebenem Jugendfeuer geleitet und vor
dem Weggehen die Präsidialwürde dem Primus der Klasse, Karl
Simmler, überbunden. In einer Ecke fing man an zu summen:
»Wir wünschen eine Antrittsrede ...« und bald
gröhlte das ganze Hufeisen die paar dürftigen Worte und
Noten durcheinander. Karl Simmler rutschte hilflos auf seinem Stuhl
hin und her. Was war zu machen? Er hatte sich ja nicht vorbereitet.
Sein Maturitätsaufsatz fuhr ihm wie eine Erlösung durch den
Sinn, der konnte helfen. Er schoß von seinem Stuhle auf und
posaunte: »Das Leben ist der Güter höchstes nicht


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