Die Liebesbriefe der Marquise - Lily Braun - Страница 1 из 384


Lehnstuhl behaglich zurückgelehnt, ein heiter sinnendes
Lächeln um die feinen Lippen, von Delphine Montjoie zu sprechen
begann, so pflegte ihre strenge Tochter, mit einem vielsagenden Blick
auf die Jugend im Zimmer, ein »aber Mamachen!« warnend
dazwischen zu werfen. Sie unterbrach sich dann stets, eine zarte
Röte überzog ihre Elfenbeinhaut – ob aus Ärger,
ob aus Verlegenheit? –, und für den Rest des Abends blieb
sie schweigsam. Kam eine ihrer Enkeltöchter allein zu ihr, so
bedurfte es keiner langen Bitten, und sie erzählte der gespannt
Aufhorchenden von der Ahnfrau, die das Zaubermittel besessen hatte,
alle Herzen an sich zu fesseln. Der lachende Geist des Rokoko –
halb Liebesgott, halb Faun – hatte seine Schäferlieder an
ihrer Wiege gesungen, das Heldenepos Napoleon hatte ihr Alter
umbraust; um ihr duftendes Lockenköpfchen hatte der Sturm von 89
getobt, und von dem Gewitter der Julirevolution war ihr eisgraues
Haupt noch berührt worden. Schleifende Menuettschritte,
rauschende Kleider, klappernde Stöckelschuhe, Sturmläuten,
Kanonendonner, dazwischen ein Flüstern, ein leises Lachen, ein
verhaltenes Schluchzen, – das war ihre Geschichte. Als eines
Winters der tiefe weiche Schnee um ihr Schloß zu
Füßen der Vogesen jeden Laut erstickte, da verklang ihr
Leben. »Kurz vor ihrem Tode« – so erzählte
die Gräfin Laval –, »hatte sie noch sorgfältig
Toilette gemacht. Mir schien, als hätte sie sogar ein wenig Rot


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