Lebenssucher - Lily Braun - Страница 1 из 521


suchte, und was er fand. Es gibt Jahre, in denen der Frühling
nicht fröhlich ist; die wenigen Blumen, die er über die
Wiesen streut, sind blaß und welken rasch; nur zögernd,
fast als fürchteten sie sich, kriechen die jungen Blätter an
den Bäumen aus der braunen Hülle; das dürr raschelnde
Herbstlaub im Walde wird kaum jemals ganz von einem frischen
Moosteppich verdrängt, und auch der klarste, blaue Himmel
trägt einen seinen grauen Schleier wie die jungen Nonnen bei der
letzten Weihe. Solch ein Frühling strich mit seiner
schlaffen, weichen Luft über die Höhen des fränkischen
Jura, spielte im Vorüberstreifen flüchtig mit der
zerbrochenen Äolsharfe auf dem grauen Turm von Hochseß,
tanzte ein wenig über dem ausgetrockneten, zwischen Nesseln
träumenden Ziehbrunnen, um schließlich die schmale Wange
und die blonden, glatten Haarsträhnen des schlanken Knaben kosend
zu streicheln, der auf der alten efeuumsponnenen Mauer saß und
unbewegt in das Land hinausstarrte. Weithin breitete es sich aus vor
ihm, von dem engen Tale an, das drunten schlief, eingewiegt vom
Murmeln und Plätschern des breiten Baches und dem Klappern der
Wassermühle, deren Räder er trieb. Blasse Wiesen schmiegten
sich sehnsüchtig an den zärtlichen Freund, als erwarteten
sie von seiner Umarmung ihr buntes Blumenleben, und in zahllosen
Windungen umschlang er sie, als ob er zögere, sich von ihnen zu
trennen; Sträucher von wilden Rosen, Schlehen und Rotdorn, die


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