Memoiren einer Sozialistin - Band 1 - Lehrjahre - Lily Braun - Страница 1 из 689


Über dunkle Wälder und saftgrüne Matten ragen die Berge
meiner Heimat zum Himmel empor, an dem die Sterne funkeln und
strahlen, ungetrübt von den Dünsten der Städte und den
Nebeln der Niederung. Die grauen Felsriesen schimmern silbern im
Mondlicht, und in ihren tausend Furchen und Spalten glänzt noch
der Schnee. Das ist die schönste Nacht des Jahres, die Nacht,
in der's in Wald und Feld von alten Märchen raunt und
flüstert, die Nacht, mein Sohn, die dich mir geschenkt: ein
Sonnwendskind, ein Sonntagskind. Elf Jahre sind es heute. Ist es mir
doch, als wäre es erst gestern gewesen, daß du an meiner
Brust gelegen, daß du die ersten Worte lalltest, zum erstenmal
die Füßchen setztest. Und nun bist du ein großer
Junge! Die Kindheit bereitet sich aufs Abschiednehmen vor. Fast am
gleichen Tage war es, und mehr als drei Jahrzehnte sind es her,
daß auch ich zu Füßen dieser Berge meinen elften
Geburtstag feierte. Die Tafel bog sich damals unter der Fülle der
Geschenke – auf deinem Tisch, mein Sohn, lagen heute neben dem
duftenden Kuchen unsrer alten Marie nur ein paar Bücher! –,
und Eltern, Verwandte und Freunde umgaben mich, mit schäumendem
Sekt und schmeichelnden Reden das Geburtstagskind feiernd, – wir
dagegen waren heute allein und hatten nur tiroler Landwein in den
Gläsern. Das Geburtstagskind von damals war ein blasses,
langaufgeschossenes Mädchen mit einem alten,
hochmütig-sarkastischen Zug um den Mund, dessen Lächeln der


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