Memoiren einer Sozialistin - Band 2 - Kampfjahre - Lily Braun - Страница 1 из 670


Kabine unten hatte ich es nicht ausgehalten. Die eingeschlossene Luft
legte sich zentnerschwer auf Kopf und Brust, und das melancholisch
eintönige Anschlagen der Wellen an die Fenster preßte mir
das Herz zusammen, als ob das Unglück selbst es in seinen harten
Händen hielte. »Ich bin seefest,« hatte ich der
warnenden Stewardeß zugerufen, als ich die schwankende Treppe
hinaufgestiegen war. Zwei-, dreimal atmete ich auf, tief und schwer,
wie nach überstandener Anstrengung, ehe ich mich in den Korbstuhl
fallen ließ. Am Himmel jagte, vom Wind gepeitscht, ein schwarzes
Wolkenheer. Dunkel und drohend rollten die Wellen dem Schiff entgegen.
Kein Mondstrahl spiegelte sich in ihnen, kein Stern erleuchtete das
finstere Firmament. Langsam verschwanden am Horizont die Küste
von Holland und mit ihr die letzten freundlichen Lichter. Ich war
allein – ganz allein. Ich sammelte meine Gedanken, die das
Fieber der letzten Tage durcheinandergewirbelt hatte wie der Sturm die
Schaumperlen auf dem Wasser. War das Gebäude meines neuen Lebens,
das ich mir droben auf den Bergen mit eigenen Händen stolz und
selbstsicher errichtet hatte, nichts als ein Kartenhaus gewesen, das
ein Stoß mit der Hand umzuwerfen vermochte? Ich griff suchend in
die Tasche meines Mantels, es war kein Traum, sondern grausame
Wirklichkeit: meiner Mutter Brief knisterte noch darin. Ich konnte ihn
auswendig. Schon auf der Fahrt von Grainau nach Berlin hatte ich ihn


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