Essays und Kritiken - Ludwig Börne - Страница 1 из 327


1823 Es gibt Menschen und Schriften, welche Anweisung
geben, die lateinische, griechische, französische Sprache in drei
Tagen, die Buchhalterei sogar in drei Stunden zu erlernen. Wie man
aber in drei Tagen ein guter Originalschriftsteller werden könne,
wurde noch nicht gezeigt. Und doch ist es so leicht! Man hat nichts
dabei zu lernen, sondern nur vieles zu verlernen; nichts zu erfahren,
sondern manches zu vergessen. Wie die Welt jetzt beschaffen, gleichen
die Köpfe der Gelehrten und also auch ihre Werke den alten
Handschriften, von welchen man die langweiligen Zänkereien eines
Kirchenstiefvaters oder die Faseleien eines Mönchs erst abkratzen
muß, um zu einem römischen Klassiker zu kommen. Jedem
menschlichen Geiste sind schöne Gedanken und, weil mit jedem
Menschen die Welt neu geschaffen wird, auch neue angeboren; aber das
Leben und der Unterricht schreiben ihre unnützen Sachen darauf
und bedecken sie. Man bekommt eine ziemlich richtige Ansicht von
dieser Lage der Dinge, wenn man etwa folgendes bedenkt. Ein Tier, eine
Frucht, eine Blume erkennen wir in ihrer wahren Gestalt; was sie sind,
erscheinen sie uns. Würde aber der von der Natur eines Rebhuhns,
eines Himbeerstrauchs, einer Rose eine wahre Anschauung haben, der nur
eine Rebhuhnpastete, Himbeersaft und Rosenöl kennen gelernt? So
ist es aber mit den Wissenschaften, mit allen Dingen, die wir mit dem
Geiste und nicht durch die Sinne auffassen: zubereitet und verwandelt


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