Ein stummer Musikant - Maximilian Bern - Страница 1 из 97


Künstlerliebe. Von Maximilian Bern. Dritte Ausgabe.
    Breslau.
Schles. Verlags-Anstalt v. S. Schottlaender
[ca. 1897]     I. Auf
einsamen Spaziergängen wie im bunten Gewühl des Theaters, im
dichten Gedränge der Straßenbummler wie in den lauschigen
Winkeln stiller Kirchen, überall ist er mir begegnet, der blasse,
hagere Mann mit der Duldermiene eines Christuskopfes. Das schlicht
herabfallende schwarze Haar verlieh seinem scharf markirten Antlitz,
das dem Seelenkundigen auf den ersten Blick eine lange, ergreifende
Leidensgeschichte erzählte, ein noch viel bleicheres,
krankhafteres Aussehen. Seine seltsame Erscheinung kam mir im ersten
Augenblick bekannt vor; später erlangte ich die Ueberzeugung,
daß ich ihm nie vorher im Leben begegnet war; 8 nur seine
Aehnlichkeit mit dem dornengekrönten Christusbilde eines
berühmten florentinischen Malers hatte mich getäuscht.
Außer seiner Persönlichkeit fiel mir auch sein unruhiges
zerfahrenes Wesen auf. Sein Benehmen stand nie recht im Einklange mit
der Umgebung, in der ich ihn traf. In der Kirche merkte man es aus
jeder seiner Mienen, daß seine fieberglühenden Lippen keine
Gebete murmelten; aus seinen braunen Augen leuchtete keine
Ergebenheit, kein innerer Friede. Im Theater blickte er zerstreut
umher. Sein Auge hing fast nie an der Bühne, sondern schien
vielmehr im Zuschauerraume Jemand zu suchen. Oft fuhr er erschreckt


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