Der Opfergang - Rudolf Georg Binding - Страница 1 из 46


heißen August, da die Cholera in Hamburg herrschte und mehr
Menschen die Kühle des Grabes brachte, als je ein heißer
Sommer zuvor, konnte man, immer zur nämlichen Abendstunde, einige
Tage lang eine hohe schöne Frau in einer kaum auffälligen
und doch so merkwürdigen Verkleidung und Verstellung eine der
stillen und vornehmen Villenstraßen an der Alster dahinschreiten
sehen, daß man sich unwillkürlich noch mit dieser
Erscheinung beschäftigte, nachdem sie längst dem Auge
entschwunden war. Von den wenigen, die dort gingen, hat wohl niemand
ihr nachzublicken gewagt, denn ihre Art erlaubte das nicht; aber
nachgesonnen hat ihr wohl jeder, der sie begegnend ins Auge
faßte. Es war sicherlich nicht die Zeit zu Vermummungen,
während die Seuche täglich gieriger wurde und ihr Hunderte
von Menschenopfern nicht mehr genügten; als ich aber das Gebaren
dieser Frau sah, welche mit einer inneren Schwere ohnegleichen einen
vorgeschriebenen Weg zu gehen schien, ergriff es mich, als ob das
Leben in einer Art Wettstreit hätte zeigen wollen, daß es
grausamere, blutigere Menschenopfer fordere, als jener dörrende
Tod. Mit diesem Schlüssel bin ich ihr nachgegangen, ohne
daß sie etwas davon gemerkt hat; und unsichtbare Spuren
erzählten mir ihre wundervolle Geschichte. Das Besitztum, aus
dem die schöne Frau an jenen Abenden zu ihrem Gang hervortrat,
war das ihres Vaters, welcher einen der besten Namen der
bürgerstolzen Stadt und, damit in einer nutzbaren Dreieinigkeit


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