Die Geige - Rudolf Georg Binding - Страница 1 из 159


lange her, daß in einer Stadt im Westen unseres Landes, wie
keine schönere gleich einer lächelnden Frau ihre
Füße in den Wellen eines raschfließenden Stromes
badet und ihr Antlitz in seinem Spiegel betrachtet, sich die
Geschichte zutrug, die ich hier erzählen will. Obzwar sie sich
recht eigentlich im Herzen jener Stadt abgespielt hat und es Blut
dabei gab und Tränen, so hat sie davon wohl kaum etwas
gespürt; und wenn sie etwas von ihr bemerkte, so hat sie es im
Herzen bewahrt, treu und verschwiegen, wie es gut war und notwendig;
denn sie ist – auch hierin den Frauen gleichend – minder
schwatzhaft als minder schöne. Jetzt aber, da – nach kaum
zwanzig Jahren – niemand mehr übrig ist, dem die
Erzählung dieser Begebenheiten einen Schmerz erneuern
könnte, und die Geschichte schon dem unermeßlichen Meere
der Vergessenheit zurollt, das, gnädig und grausam, die
Schicksale der Menschen in sich aufnimmt, scheint es an der Zeit, sie
diesem Ende zu entreißen. Denn selbst der letzte und
gewichtigste, wenn auch stumme Zeuge, welcher ihren Ausgang gesehen
hat, ist gefallen, da ich jüngst eines Abends vor den
Trümmern des Hauses stand, in welchem sie zum Austrag kam. Es war
das Haus, in dem zu unserer Studentenzeit unser Fechtmeister wohnte
und seinen Fechtboden hielt; nicht der von der
Universitätsbehörde angestellte, bei dem man die
herkömmlichen Gänge unter Geklirr und Getrampel erlernte,


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