Erlebtes Leben - Rudolf Georg Binding - Страница 1 из 298


ist mein Leben. Indem ich es jedoch in diesem Augenblicke vor mir sehe
als etwas, das ich nun erst in besonderem Sinne durchschreite,
will es mich bedünken, als sei es nicht mehr mein Leben, von dem
ich berichte, als sei vielmehr der Bericht von meinem Leben ein
Bericht von vielen Leben, die unsichtbar und unhörbar
füreinander alle den gleichen Weg gingen. Nicht im Einzelnen und
Persönlichen natürlich, sondern im Großen und
Gemeinsamen. Denn eines Menschen Leben – und wäre er der
Größte – ist nicht loszulösen aus der Zeit, die
er mit andern teilte. Ist auch im letzten der Mensch der Schöpfer
seiner Zeit – und er soll von dieser Verantwortung hier am
allerwenigsten losgesprochen werden –, so durchdringt sie ihn
doch wie eine Essenz, die in ihn übergeht und von der ihn keine
Chemie erlöst. Man kann also nicht einmal erwarten, daß,
von äußeren Schicksalen abgesehen, die Leben von Menschen
der gleichen Zeit sehr verschieden aussehen, ja man möchte
meinen, daß ein solches Leben für das andere einstehen
müsse und daß daher auch meines für andere stehe.
Das aber, was ich von meinem Leben zu berichten vermag, liegt nicht
hinter mir. Es ist nicht etwas, worauf ich zurückschauen
vermöchte wie auf etwas, das einmal mein war. Ich kann, damit ich
mich nicht betrüge, nur von dem berichten, was in mir lebt und
was ich somit erlebte, was als Erlebtes in mich überging, was
noch immer mein ist, ohne daß ich dem Augenblick nicht ins Auge


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