Legenden - Rudolf Georg Binding - Страница 1 из 145


An einem Samstagnachmittag im November hatten die Englein nichts zu
tun und die himmlische Musik, die jeden Vor- und Nachmittag spielte,
mußte sich ohne die Unterstützung behelfen welche sie ihr
sonst durch ihren Gesang zu leisten hatten. Und das kam so. Am
verflossenen Sonntag während der großen Himmelsandacht
hatte der Herrgott zu bemerken geglaubt daß die Engelchöre
nicht so frisch klangen wie er es sonst zu hören gewohnt war, ja
daß kleine Rauhigkeiten die himmlische Harmonie störten auf
deren ungeschmälerte Reinheit er sehr sah. Er ließ sich
daher nach der Andacht den Kapellmeister und den Gesanglehrer kommen
und stellte sie ziemlich verdrießlich über seine
Wahrnehmungen unter dem Hinweis zur Rede, er könne nach einer
arbeitsreichen Woche wohl verlangen daß ihm am Sonntag in der
Himmelskirche eine anständige Musik vorgemacht würde. Das
aber was er heute da hätte zu hören bekommen, erinnere ihn
eher an üble irdische Katzenmusiken, die er nicht allzusehr
liebe, als an eine Symphonia coelestis wie sie einzig hier am Platze
sei. Der Kapellmeister, dem der Gesanglehrer durch Haftung und
Gesichtsausdruck stumm beizupflichten sich bemühte, erklärte
dem lieben Gott hierauf, daß er seine Wahrnehmungen nicht
bestreiten könne; er müsse für die beobachteten
Mißstimmigkeiten die Engel verantwortlich machen, von
denen sich einige Schreihälse im Übereifer ganz heiser
geschrien hätten und dadurch die Klangschönheit des Ganzen,


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